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Jung-Stilling
und seine endzeitlichen Vorhersagen

(Teil 4 von 4)

Alexander der Große
Alexander der Große

in den chiliastischen Kreisen Süddeutsch-lands fanden die Vermutungen Jung-Stillings über die Bedeutung Russlands auf dem Wege zur Verwirklichung des Reiches Gottes einen ungeheuren Zuspruch, da sowohl das Ein-greifen Russlands in die Weltgeschicke als auch die religiösen Ambitionen Alexanders I. diese Vermutungen zu stützen schienen, was Anfang des 19. Jahrhunderts die Auswanderungswelle nach Bessarabien, der Krim, ins Odessagebiet und nach Kaukasien mit zu motivieren sollte.

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Als 1811 der Große Komet1 am Firmament erschien, kam unter den Menschen Unmut auf, denn traditionell galten Kometen als Vorzeichen künftigen Unheils, eine Wahrnehmung, die Protestanten und Katholiken, Bürgermeister, Handwerker und Kirchendiener teilten.

der Große Komet (1811)
der Große Komet (1811)

Wie stark die Himmelserscheinungen die Vorstellungswelt bewegte, lässt sich an der Chronik des württembergischen Bleichers Johannes Jerg erkennen. Der fromme Protestant aus Ebingen am Rand der Schwäbischen Alb begann jedes Jahr seine Aufzeichnungen mit einem frommen Segensspruch. Anfang 1812 schrieb er folgendes:

Glück und Segen zu dem Neuen Jahr, allein, was werden wir erfahren auf den Comet Stern, wir sahen ihn noch zu der Zeit in der Nacht gegen Westen, allein lasset uns in die Hand des Herrn fallen, dann seine Barmherzigkeit ist groß, wo wir uns in die Göttliche Vorsehung schicken müssen.

aus: Chronik des Bleichers Johannes Jerg 1771-1825, Ein Heimatbuch der Stadt Ebingen, Balingen o.J., 1953, Jahresbeginn 1812, S. 108;

 

alba
alba

Als man in Ebingen drei Wochen später noch ein ungewöhnlich starkes Morgenrot bemerkte, war Jerg überzeugt, dass es sich bei dem zu erwartenden Unheil nur um einen Krieg handeln könne, weil es die Alten Leute vor kein gute Zeichen haben als auch von ihren VorEltern gehört haben dass wann eine solche Morgenröthe sich zeigte an Fabian Sebastian (20. Januar) es Krieg Bedeute.

Wie stark der Glaube an eine religiöse Bedeutung von Wetter und Himmelserscheinungen ausgeprägt war, zeigt ein Brief des Gächinger Pfarrers Wilhelm Ludwig Hosch vom 2.6.1811, in dem er berichtet, welche Schwierigkeiten er hatte, seiner Gemeinde zu erklären, dass ein soeben niedergegangenes Hagelunwetter ebenso wenig Ausdruck göttlichen Zorns sei wie Sonnenschein göttlichen Wohlgefallens.

aus: Chronik des Bleichers Johannes Jerg 1771-1825, Ein Heimatbuch der Stadt Ebingen, Balingen o.J., 1953, Jahresbeginn 1812, Eintrag vom 20.1.1812;

 

Unabhängig von den himmlischen Vorzeichen konnten die Menschen an den Rüstungsanstrengungen der Rheinbundstaaten aber ablesen, dass ein neuer Krieg bevorstand. Aufmerksam beobachteten sie, dass Anfang Februar 1812 die beurlaubten Soldaten der wehrpflichtigen Jahrgänge einberufen und die Gemeinden aufgefordert wurden, bei den Militärbehörden Pferde einzuliefern. Gleichzeitig machten erste Gerüchte die Runde, dass ein Krieg mit dem Zaren bevorstehe.

Rheinbund
Rheinbund
„Zu mir, nach Rußland, kamest du/ Erschrecklich groß hinein;/ Doch auf dem Heimweg nach Paris/ Wie wurdest du so klein!“
Sic transit gloria mundi
(So vergeht der Ruhm der Welt)

Von der Mystikerin Juliane von Krüdener wurde das Erscheinen des Großen Kometen1 als der Sieg des weißen Engels (Zar Alexander I.) über den schwarzen Engel (Napoleon) gedeutet, der dann tatsächlich erfolgte Sieg Alexanders I. über Napoleon (1812), die Befreiung Deutschlands durch die Alliierten (Österreich, Preußen, Russland, Schweden) in der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) und vor allem die Gründung der Heiligen Allianz2 (1815) machte allen deutlich, dass nicht Napoleon der Gesandte Gottes sei, wie die Anhänger Napoleons unter den Chiliasten geglaubt hatten, sondern der fromme Alexander, der politische Befreier Deutschlands und Europas, der als Gegenspieler der Antichristgestalt Napoleon zum Heilsbringer aus dem Osten emporstieg und das Russische Reich mit der dort erstarkenden deutschen Kolonisation, der Missionierung Mittelasiens3 und der Aktivität der russischen Bibelgesellschaft.

Die Chiliasten sahen in Alexander I. den „Engel des Bundes“ (Maleachi 3, 14), dessen Aufgabe es war, sowohl Israel zu reinigen und zu läutern als auch den Frieden herzustellen.

 

Avance
Avance

Mit den Befreiungskriegen (1813-1815), in denen sich vor allem Frankreich und Russland, Napoleon und Alexander, gegenüberstanden, erreichte diese Sichtweise ihren Höhepunkt. Zar Alexander erschien als der Vollstrecker des göttlichen Willens gegen das Werkzeug des Antichristen, als Auserwählter Gottes, als Selbstherrscher, der „König der Könige“, der die Völker „mit Gerechtigkeit“ und „mit eisernem Stabe“ regiere. Russland erstand nun fassbar als Schutzmacht der wahren Gläubigen, als „das Land des Friedens und des Heils“.

Louise von Baden
Louise von Baden

Jung-Stilling, der persönliche Kontakte zu führenden Personen des neuen erweckten Russlands aufnahm, nämlich zur Zarin Elisabeth5, zu deren erster Hofdame Roxandra von Stourdza, dann zum Zaren selber und zu dessen Minister für Geistliche Angelegenheiten Fürst Alexander Fjodorowitsch Golizyn, bat den Zaren in einem Gespräch 1814 „um einen Bergungsplatz in seinen Staaten, wenn die Versuchungsstunde kommen würde“.

Dabei wirken seine vielfältigen Aussagen aufs Ganze gesehen nicht immer widerspruchslos, denn einerseits galt für Jung-Stilling die Endzeit als angebrochen, andererseits aber sei „jetzt noch nicht“ Zeit zum Handeln, im Übrigen wird der Herr „bei Zeiten“ die Seinen in die Sicherheit führen.

Barbara Juliane von Krüdener
Barbara Juliane von Krüdener

Ausschlaggebend für die späteren Auswanderer wurden jedoch die Textauslegungen der Offenbarung des Johannes durch einen gewissen Johann Georg Kellner (*?-†1823), ein ehemaliger Oberpostdirektor aus Braunschweig und enger Mitarbeiter der Mystikerin Juliane von Krüdener, religiöse Beraterin des Zaren Alexanders I.

Nach seiner Interpretation bildete der Kaukasus, der einst als Landungsort der Arche Noah (Ararat) die Wiege einer neuen Menschheit abgegeben hatte, den letzten “Bergungsort“ der Gläubigen.

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Jung-Stilling selbst hat die Auswirkungen seiner Aufrufe nicht mehr erlebt. Er starb am 2. April 1817, als sich die „Harmonien der Kinder Gottes" im Schwabenländle gerade zur Auswanderung aufmachten.

 

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1 Der Große Komet von 1811 konnte über mehr als acht Monate freiäugig gesehen werden. Im Oktober 1811 erreichte er seine größte scheinbare Helligkeit. Die Koma war 2 Millionen km breit und der etwa 15 Millionen km lange Schweif überdeckte mehr als 90° des Himmels.

2 Heilige Allianz = auf Veranlassung des Zaren Alexander I. zwischen Russland, Österreich und Preußen am 26. 9. 1815 in Paris geschlossenes Bündnis, um die Staaten nach den Grundsätzen des Christentums, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens zu leiten und sich gegenseitig Beistand zu leisten. Alle europäischen Herrscher mit Ausnahme Großbritanniens, des Heiligen Stuhls und des Osmanischen Reiches traten später der Heiligen Allianz bei. Letzterem blieb wegen der christlichen Ausrichtung der Allianz der Beitritt verwehrt. Ursprünglich sollte die Heilige Allianz die Beziehungen zwischen den europäischen Staaten nach dem Wiener Kongress auf der Grundlage der christlichen Prinzipien neu ordnen. Tatsächlich aber zielte die Allianz auf eine Restauration der politischen Verhältnisse der Zeit vor der Französischen Revolution ab. Größere politische Bedeutung erlangte die Heilige Allianz allerdings nicht, und sie zerbrach bereits nach wenigen Jahren an Differenzen zwischen den europäischen Mächten über den griechischen Unabhängigkeitskrieg (1821 - 1829).

3 Besonders wichtig war, dass schottische Missionare, die auch mit Jung-Stilling in Kontakt standen, mit Erlaubnis des Zaren im Nordkaukasus 1806 die Kolonie Karras errichten durften, um die dort lebenden Tataren zu bekehren und zugleich Land für das Leben während der Wartezeit auf die Erlösung zu erschließen.

4 Maleachi 3, 1 = Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der HERR, den ihr suchet; der Engel des Bundes, des ihr begehret, siehe, er kommt! spricht der HERR Zebaoth.

5 Elisabeth Alexejewna, geborene Prinzessin Louise von Baden, heiratete 1793 den Großfürsten von Russland