>

 

Die Erweckungsbewegung

Albrecht Dürer: Brief des Apostel Paulus an die Epheser
Albrecht Dürer:
Brief des Apostel Paulus
an die Epheser

bei der Erweckungs-bewegung geht es um eine innerprotestantische Bewe-gung zur Wiedererweckung des religiösen Lebens.

Gedanklich fußt der Begriff "Erweckung" auf Epheser 5,14:

"Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten."

Da nur der Glaube ins ewige Leben führe, sei die Existenz des Ungläubigen dem Tode geweiht.

Somit erscheint die Hinwendung zum Glauben als Hinwendung zum Leben bzw., in Analogie zur Auferstehung Christi, als Erweckung vom Tode.

Zu den Erweckungsbewegungen zählen Puritanismus1, Pietismus2, Quäker-tum3, Methodismus4, Brüdergemeine5 und Great Awakening6.

Eine katholische Erweckungsbewegung trat am Ende des 18. Jahrhunderts in Gestalt der Allgäuer Erweckungsbewegung in Erscheinung.

französische Truppen in Württemberg
französische Truppen in Württemberg

Der Untergang des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation im Jahre 1806, die Auswirkungen der Napoleonischen Kriege und der Reichs-deputationshaupt-schluss von 1803 veränderten die politische Staatenwelt grundlegend.

In England begann die Industrialisierung und in Deutschland führten verschiedene Reformen (wie etwa die Stein-Hardenberg'schen Reformen in Preußen) zu grundlegenden Veränderungen des Gesellschaftssystems, das bis dahin durch die Ständeordnung geprägt gewesen war. Nun trat das Bürgertum in den Vordergrund.

Armut

Das Bevölkerungswachstum einer-seits und steigende Arbeits-losigkeit als Folge der Industrialisierung führten zum Phänomen des "Pauperismus", einer Massenarmut, die in den ländlichen Gegenden vor allem die Kleinbauern und Tagelöhner und in den Städten die Handwerker traf.

 

Verschiedene pietistische Strö-mungen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die evangelische Kirche prägten, stellten einen Protest gegen eine Religion dar, die vom Intellekt beherrscht wurde und, die als dogmatisch fixiert, liturgisch erstarrt, schläfrig, fade und eingefahren empfunden wurde. Diese erstarrte Religion sollte nun zu neuem Leben erweckt werden und sollte eine Frömmigkeit hervorbringen, die existentieller, gefühlsbetonter, engagierter, überschwänglicher sein sollte und, die sich eher auf eine persönliche Erfahrung als auf das Festhalten an einer Lehre basieren sollte.

August Hermann Francke

Männer wie August Hermann Francke (1663 – 1727) oder Philip Jacob Spener (1760 – 1825) wollten die biblische Botschaft wieder zum Leben erwecken und forderten die Menschen in Deutschland zu einer eindeutigen Entscheidung für ihren Glauben heraus.

Das Wort der Predigt sollte wieder von allen verstanden werden und jeder sollte seine Entscheidung für Gott treffen, was nicht bedeutete "die Religion zu wechseln", sondern "von einem konventionellen zu einem lebendigen Glauben überzugehen". Diese persönliche Bekehrung, die die Existenz völlig veränderte, wurde als eine "neue Geburt" angesehen und konnte zeitlich und örtlich genau festgelegt werden, da sie an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Stunde, an einem bestimmten Ort stattfand und so auf das Wirken Gottes im Herzen des Bekehrten zurückzuführen ist.

Die Predigt, die nun oft auf freiem Felde stattfand, zog Massen von "Kirchenfernen" an und zielte darauf ab, die Zuhörer zu erschüttern und gefühlsmäßig zu rühren. Dabei kam es vor, dass Leute während der Predigt in Tränen ausbrachen, überschwänglich glücklich über ihre Bekehrung wurden oder ekstatische Erlebnisse hatten, was bei den Theologen der etablierten Kirchen massive Kritik, Misstrauen und Spott hervorrief.

Sehr großen Nachdruck wurde auf die Bibel gelegt. Bibelgruppen wurden eingerichtet, um sie besser kennenzulernen. Beim Bibellesen wurde dabei eine eher existentielle als historische oder philologische Lesweise angewendet. Durch die Bibelgesellschaften arbeiteten die Erweckungsbewegungen an der Verbreitung der Bibel, denn jeder bekehrte Christ sollte daran arbeiten, das Evangelium zu verkünden und den Glauben durch Wort und Schrift zu verbreiten. Dabei wurden die klassischen Themen (das Heil des Sünders durch das Opfer Christi am Kreuz, wobei die Erfahrung der Sünde und der Wiedergeburt betont wurde) wieder aufgenommen.

Diakonisse
Diakonisse in ihrer festgelegten Tracht

Die Not der Menschen wurde nun nicht mehr nur als persönliches, von Gott gegebenes Schicksal gesehen, sondern auch auf Gründe wie fehlende Arbeitsmöglichkeiten und mangelnde Lebens-perspektiven zurückgeführt.

Vom christlichen Glauben und Gewissen getragen und angerührt vom Elend und Armut sowohl auf dem Land als auch in den Städten, initiierten evangelische Geistliche, aber auch Frauen und Männer aus dem Bürgertum Einrichtungen und Vereine, die sich um die Linderung sozialer Missstände bemühten. Aus den Aktivitäten Einzelner entwickelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts die sogenannte "Liebesthätigkeit" der "Inneren Mission", eine Vorläuferin der heutigen Diakonie.

Es entstanden die sogenannten Rettungshäuser (Rettungshausbewegung), die sich um Erziehung, Gesundheitspflege kümmerten und Waisen und Jugendliche ohne familiäre Bindung aufnahmen. Die Frauen spielten dabei eine wichtige Rolle und übernahmen verantwortungsvolle Aufgaben, die denen der Männer fast gleichkamen.

vom breiten und vom schmalen Weg
Das Bild „vom breiten und vom schmalen Weg“ spiegelt anschaulich das pietistische Selbstverständnis. Es entstand um 1860 auf Anregung der Stuttgarter Kaufmannsfrau Charlotte Reihlen. Die Stationen am schmalen Weg - Sonntagsschule, Knaben-Rettungsanstalt oder Diakonissenhaus – propagieren ein in den christlichen Glauben eingebettetes, asketisches Leben von der Taufe bis ins Jenseits. Die Stationen am breiten Weg dagegen – Spielhölle, Maskenball und Theater – warnen vor Alkohol und Krieg und stehen für ein sinnentleertes, oberflächliches Leben.

 

zurück 1 weiter

1Puritanismus = streng calvinistische Richtung im England des 16./17. Jahrhunderts

2Pietismus = Ende des 17. Jahrhunderts entstandene Bewegung des Protestantismus, die durch vertiefte Frömmigkeit und tätige Nächstenliebe die Orthodoxie zu überwinden suchte und eine geistliche Erneuerung der Kirche zum Ziel hatte.

3Quäkertum = eine Mitte des 17. Jahrhunderts gegründete englisch-amerikanische Society of Friends (= Gesellschaft der Freunde), einer sittenstrengen, pazifistischen Sekte mit bedeutender Sozialarbeit.

4Methodismus = eine aus der anglikanischen Kirche hervorgegangene in den 1720er-Jahren begründete religiöse Erweckungsbewegung.

5Brüdergemeine = Kurzform von Herrnhuter Brüdergemeine; aus dem Pietismus hervorgegangene evangelische Freikirche, die 1722 unter dem Schutz des Grafen Zinzendorf in der Oberlausitz als Kolonie Herrnhut begründet wurde.

6Great Awakening = protestantische Erweckungsbewegungen, die sich seit den 1730er Jahren in den britischen Kolonien in Nordamerika bzw. den Vereinigten Staaten ereigneten.