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Die Auswanderung der württembergischen Chiliasten

Ungefähr 300 Familien der chiliastischen Auswanderer ließen sich bei Odessa nieder, wo sie 90 Kilometer nordwestlich von Odessa in dem kleinen Dorf Zebrik im Tal des Maly Kujaknikim Gebiet Glückstal Land zur Besiedlung des zuvor von bulgarischen Kolonisten errichteten und unvollendeten Ortes erhielten. In einer allgemeinen Versammlung beschloss man 1819 der neuen Mutterkolonie den Namen Hoffnungsthal/Hoffnungstal1 zu geben, im Hinblick auf die bei der Auswanderung gehegten Hoffnungen einer glücklichen Zukunft.

 

Überfall
Tartaren

Etwa 400 Familien sowie 100 bereits angesiedelte Familien hielten dennoch an dem Entschluss zur Weiterwanderung fest.

Die Kolonisten wussten von den Gefahren der fehlenden staatlichen Ordnung, wussten wahrscheinlich auch von kasachischen, kirgi-sischen und baschkirischen Über-fällen auf deutsche Siedlungen in Südrussland und den Verkauf der Siedler als Sklaven nach Buchara (1777, 1784), von Überfällen durch Tataren, Kosaken, Osmanen (Türken) und auch einfachen Räuberbanden. Sie sollten dann später in den Kolonisationen tatsächlich derartige Überfälle erleben.

Alexei Petrowitsch Jermolow
Alexei Petrowitsch Jermolow

Da der Generalgouverneur von Transkaukasien Alexei Petrowitsch Jermolow schon im Dezember 1816 signalisiert hatte, dass er bereit sei, 30 Familien zur Hebung des Wein- und Seidenbaus aufzu-nehmen und da die Einwanderer in ihrer Heimat ja eher Wein- als Ackerbau betrieben hätten, erhielten 29 Familien unter Führung des Ältesten Gottlieb Löffler im späten Frühjahr 1817 die Erlaubnis, über Cherson, Taganrog, Stawropol, Mozdok nach Tiflis weiterzuziehen, wo sie am 21. September 1817, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Aufbruch aus dem Königreich Württemberg, eintrafen und 37 km östlich von der Gouvemementshauptstadt Tiflis auf 2.696 Desjatinen (29.4538 km2) Kronsland ihre Kolonie gründeten. Der Ort, zu dessen erstem geistlichen Anführer Georg Friedrich Fuchs bestimmt wurde, erhielt zu Ehren der aus Württemberg stammenden russischen Zarenmutter Maria Feodorowna, Marienfeld2.

 

Die lange, beschwerliche Reise nahmen viele Schwaben aus Württemberg in den Jahren 1817-1818 auf sich. Am 10. Mai 1817 erhielten 1.500 Familien mit 9.000 Personen aus Württemberg die Genehmigung, nach Russland auszuwandern. Im Sommer 1817 folgten weitere sechs Familien mit 32 Personen, 1818 sechs Personen und 1819 noch einmal eine Familie mit fünf Personen.

Reiseweg der Kaukasiendeutschen
Der Auswanderungsweg der Kaukasiendeutschen

 

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Anmerkungen

1 Hoffnungstal (ukrainisch: Цебрикове/Zebrykowe; russisch: Цебриково/Zebrikowo) wurde 1819 von 64 Familien aus Württemberg (aus den Oberämtern Waiblingen, Backnang, Marbach, Kirchheim, Esslingen gegründet.
Es waren Chiliasten, die im Mai und Juni 1817 nach Ulm abreisten und in zwei Zügen, geleitet von Johann Leibbrandt und Jakob Lutz, auf der Donau über Wien, Ofen, Orsowa und Galatz nach Monaten in Odessa ankamen. Sie wollten an den Bergungsort im Südkaukasus, in der Nähe des Berges Ararat. Die Siedler zogen in zwei Zügen, den einen führte Johann Leibbrandt, den anderen Jakob Lutz.
Als Grund für die Auswanderung sind neben wirtschaftlichen Gründen (Steuern, Sorge um den alltäglichen Lebensunterhalt) vor allem religiöse Gründe zu nennen. Vor ihrer Abreise wurde den Siedlern per Ukas die freie Religionsausübung in Russland zugesichert.
Die Gründerfamilien waren: Ackermann, Aikele, Alber, Aldinger, Attinger, Bahmuller, Bamesberger, Bauder, Bauer, Baumann, Beck, Beutel, Binder, Birkle, Bitsch, Blumbardt, Bollinger, Bonekemper, Breisch, Brose, Diegel, Dobler, Ehrmann, Eider, Eisenmann, Ensinger, Erlenbusch, Fiechtner, Fischer, Fritz, Gall, Georg, Hagenlocher, Harsch, Heer, Heiser, Hilt, Hoffmann, Holzwarth, Kaup, Kienzle, Klopfer, Klotz, Knecht, Knoll, Konrad, Kubler, Kunz, Lachenmeier, Leibbrandt, Lutz, Mauch, Mauser, Metzger, Meyer, Murschel, Naher, Off, Ormann, Ottenbacher, Raff, Reuer, Rosin, Rub, Ruess, Sauer, Schaffert, Schick, Schick, Schlecht, Schlichenmeyer, Schmied, Schock, Schwaderer, Siegle, Steinbach, Stocker, Troster, Wagner, Wagner, Wall, Weiss, Weller, Wohlgemuth, Zick und Zweigardt.
1837 wurde das Kirchspiel Hoffnungstal gegründet, dem 19 deutsche Gemeinden mit 4.212 Eingepfarrten angehörten. Zwischen 1840/42 wurde im Ort eine Kirche gebaut, die 1847 eine Orgel erhielt. Um 1850 wurde der Bau eines Schulgebäudes für 250 Schüler abgeschlossen. 1912 unterrichteten sechs Lehrer 283 Schüler. Pastor von 1911 - 1918 war Immanuel Winkler. Neben der Volksschule gab es auch eine Zentralschule. 1835 erhielt die Kolonie das Recht alle 2 Wochen einen Markt abzuhalten. Vor der Revolution gab es im Dorf eine kleine Kreditgesellschaft und einen Konsumverein/-laden;. Für die medizinische Versorgung gab es einen Arzt, einen Feldscher sowie eine Apotheke. Die Kolonie gehörte zum Großliebentaler Gebiet, in dem zwischen 1804 und 1834 eine ganze Reihe von Mutterkolonien entstanden. 1926 gab es im Ort einen Konsumverein/-laden, ein Rayon-Bauernhaim und eine 7-klassige Schule.
Zwischen 1937 und 1938 wurden insgesamt 76 Einwohner verhaftet, von denen 25 zu mehrjährigen Haftstrafen und 51 zum Tode verurteilt wurden.

2 Die Mutterkolonie Marienfeld (Rosenfeld, heute Sartitschala) wurde 1817 von 34 pietistisch-chiliastischen Familien aus Württemberg im heutigen Georgien gegründet. Sie lag im Südkaukasus etwa 55 km im Osten von Tiflis. 1830 wurde das Kirchspiel Marienfeld gegründet. Ihm gehörten 1905 1.002 Eingepfarrte an. Ihren Namen erhielt die Kolonie zu Ehren der Kaiserinmutter Maria Feodoreona, der Schwester des Königs Friedrich I. von Württemberg. 1941 wurde die deutsche Bevölkerung, die nicht mit Georgiern verheiratet waren, nach Sibirien und Kasachstan deportiert.