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Der Pietismus im Herzogtum Württemberg

anfang des 18. Jahrhunderts blühte ein Pietismus (Schwäbischer Pietismus) auf, der sich bald sehr umfassend auf die eschatologische Erwartung der Wiederkunft Christi und den Anbruch seiner tausendjährigen Herrschaft auf Erden am Ende der Weltgeschichte ausrichten sollte.

die Wiederkunft Christi und seiner Getreuen, darunter Reformatoren und Pietisten, wie Arndt, Spener und Bengel
die Wiederkunft Christi und seiner Getreuen,
darunter Reformatoren und Pietisten, wie Arndt, Spener und Bengel

J. A. Bengel, Hauptvertreter des Pietismus

Johann Albrecht Bengel
Johann Albrecht Bengel

Geprägt wurde dieser Schwäbische Pietismus vor allem von den Theologen Johann Albrecht Bengel und (1687-1752) und dessen Schüler Christoph Oetinger (1702-1782).

Der einflussreichste pietis-tische Text des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war sicherlich der des Tübinger Theologen Johann Albrecht Bengel aus dem Jahr 1740: Erklärte Offenbarung Johannis.

Bengel gilt als der Vater des Schwäbischen Pietismus und des modernen Chiliasmus. Für Bengel war entscheidend, dass die Bibel nicht nur den Grund des Heils, die Heilsordnung1, mitteilt, sondern auch die Heils-geschichte2, die göttliche Ökonomie, und zwar von der Schöpfung bis zu den letzten Dingen.

Bengel war davon überzeugt, dass Christus am Ende der Zeiten kommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten und vertrat die Auffassung, dass die Wiederkunft des Herrn, die Endzeit dieser Welt, nahe herbeigekommen sei und deshalb für die Christen nur wenig Zeit bliebe, um sich darauf vorzubereiten. So suchte Bengel das Jahr der Wiederkunft Christi aus den Daten der Bibel zu berechnen.

Das Jüngste Gericht: Petrus begrüßt die Glückseligen im himmlischen Paradies (links) und die Verdammten werden von Teufeln ergriffen und in die Hölle gezogen (rechts); in der Mitte:  Jesus als Weltenrichter auf einem Regenbogen sitzend; links von ihm Maria, rechts Johannes der Täufer, im Halbkreis sind die Apostel angeordnet. Unter Jesus der Erzengel Michael bei der Wägung der Menschen.
Hans Menmling: Altar des Jüngsten Gerichts in Danzig
Hieronymus Bosch: Johannes auf Patmos schreibt seine Offenbarung
Hieronymus Bosch: Johannes auf Patmos
schreibt seine Offenbarung

 

Da für ihn nun alle Bücher des Alten und Neuen Testaments aber den gleichen Wert hatten, hatte das zur Folge, dass jede einzelne Bibelstelle großes Gewicht erhielt.

Sein besonderes Interesse galt dabei dem letzten Buch des Neuen Testaments: der Offenbarung des Johannes, das als einziges prophetisches Buch des Neuen Testaments den Verlauf der Kirchengeschichte von den ersten Anfängen bis zu den letzten Dingen darbietet.

Bengel war der Meinung, Gott habe in der Offenbarung des Johannes seinen (verschlüsselten) Plan für die “göttliche Haushaltung“ in der Behandlung des menschlichen Ge-schlechts dargelegt.

 

Bengel vertrat die Meinung, dass keineswegs, wie Luther meinte, nach der “Entlarvung des antichristlichen Wesens der römisch-katholischen Kirche“ der Jüngste Tag unmittelbar bevorstand, sondern es gäbe vielmehr “Hoffnung auf bessere Zeiten“.

 

Joachim von Fiore
Joachim von Fiore

Wie schon der italienische Geschichtstheologe Joachim von Fiore (* um 1130; †1202) versuchte Bengel mit komplizierten und umfangreichen Berechnungen, den Anbruch eines Tausendjährigen Reiches zu finden, d. h. einer tausendjährigen Regierung der Gläubigen mit Christus auf Erden vor dem eigentlichen Weltende, indem er die Zeitangaben der Offenbarung in ein System brachte.

Bengel, der sich selbst neben Arndt und Spener als "dritten apokalyptischen Engel" (Apokalypse 14, 6-12) in das endzeitliche Szenario mit einbezog, vertrat in seiner Eschatologie einen Dischiliasmus, einen doppelten Chiliasmus, d. h. die Auffassung, dass der persönlichen Wiederkunft Christi und dem Jüngsten Gericht ein Zeitraum von zweimal (griech. „dís“) tausend Jahren (griech. „dischília éte“ = 2000 Jahre) vorausgehen sollte.

Die ersten tausend Jahre seien durch die Bindung Satans (Offbarung 20,1-3)3 gekennzeichnet, einem Tausendjährigen Friedensreich, in dem Friede und Fruchtbarkeit herrschen, Juden und Heiden zum Christentum bekehrt werden und das Papsttum falle:

„...... ächtes Christenthum gewinnt immer mehr Boden, und unter dessen Bekennern herrscht eine außerordentliche Fülle des Geistes; auch gesunde, fruchtbare, friedliche Zeiten sind zu erwarten; der Luxus, eitler Tand und Pracht, und so manche andere Plage der Menschheit sind verschwunden; die Menschen leben länger. Auch zwischen Fürsten und Völkern hat ein neues schöneres Verhältniß sich gebildet. Die Zeiten der Revolutionen sind vorüber, Regenten und Obrigkeiten gehen mit Unterthanen, wie mit ihren Brüdern, um.“

aus: Heidelbergische Jahrbücher der Litteratur, Band 26, S. 645;

 

Apokalypse 20, 1-3: Der Engel mit dem Schlüssel zum Abgrund bindet den Drachen auf tausend Jahre
Apokalypse 20, 1-3: Der Engel mit dem Schlüssel
zum Abgrund bindet den Drachen auf tausend Jahre

Dann werde Satan für eine kurze Zeit losgelöst (Offbarung 20,1-3)3, was zu Kämpfen und Versuchungen auf der Erde führe. Seine erneute Entmachtung sei der Beginn der zweiten tausend Jahre, geprägt durch die Herrschaft Christi mit den Auferstandenen. Diese Periode schließe das Jüngste Gericht mit der darauffolgenden Schaffung des Neuen Himmels und der Neuen Erde ab.

Bengel meinte nun nach einem Erleuchtungserlebnis die geheimnisvolle “Zahl des Tieres“ (Antichrist), die Zahl des Weibes in der Wüste, die Zeit des Teufels in der Offenbarung entschlüsselt zu haben und errechnete 1731 den Anbruch des ersten Tausendjährigen Reiches auf das Jahr 1742, ein Jahr später auf das Jahr 1809 und schließlich auf den 18. Juni 1836. Diese Vorhersage sollte, neben der biblischen Schriftauslegung Bengels, großen Einfluss auf die nächsten beiden Generationen haben.

Zeit

Wie aber errechnete Bengel die Endzeit?

Bengel unterteilte die Weltzeit in gleichlange, von biblischen und apokalyptischen Ereignissen bestimmte, Abschnitte und machte dabei einen Unterschied zwischen gewöhnlichen Zeiten und prophetischen Zeiten, wie zwischen gewöhnlichen und prophetischen Tagen, Monaten und Jahren.

Ein prophetischer Tag ist demnach kein jähriger (1 Tag = 1 Jahr) und kein 24stündiger Tag, sondern zirka ein halbes Jahr; ein prophetischer Monat 15 (15 6/7) gewöhnliche Jahre.

Matthäus Merian: Das Tier aus dem Abgrund
Matthäus Merian: Das Tier aus dem Abgrund

Ausgangspunkt war die Zahl des Tieres: 6664 oder 666 6/9 gemeine Jahre (Bengel war sich darüber allerdings unsicher ob von 1077 bis 1744 oder von 1143 bis 1809), die Zahl des Weibes in der Wüste (Offenbarung 12, 625): 1260 prophetische Tage oder 777 7/9 gemeine Jahre und die Zeit des Teufels: 888 8/9 gemeine Jahre (gemeint ist die Herrschaft des Tieres, also des Papsttums seit 1077 oder seit 1143).

Dazu kamen die 1000 Jahre, in denen der Satan gebunden war und die 1000 Jahre, in denen die Gerechten mit Jesus regierten. Daraus errechnete Bengel nach der Relation 1 prophetischer Monat = 15 6/7 natürliche Jahre, dass die Gesamtweltdauer von der Schöpfung bis zum Weltuntergang, insgesamt 7777 7/9 gemeine Jahre dauern sollte; davon zog er die 1000 Jahre (999 9/9), in denen der Satan gebunden ist und die 1000 Jahre, in denen die Gerechten mit Christus regieren, ab und kam auf 5777 7/9 gemeine Jahre oder auf das Jahr 1836.

Julius Schnorr von Carolsfeld: Gott Vater diktiert dem Apostel Johannes die Offenbarung
Julius Schnorr von Carolsfeld:
Gott Vater diktiert dem Apostel Johannes
die Offenbarung

Bengel begründete seine Berechnungen mit der Tatsache, dass alles, was in Offenbarung 12, 14–20 stehe, sich schon in der Geschichte seit 1058 wirklich zugetragen habe.

Im Anschluss an Bengel sollten sich viele Theologen und Laien mit Endzeit-berechnungen und Kommentaren zur Johannes-Offenbarung beschäftigten, was dann auch zur Auswanderung führen sollte.

 

 

 

 

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1 Heilsordnung = (lat. ordo salutis), in der protestantischen Dogmatik die Reihenfolge der Wirkungen des Heiligen Geistes, wodurch der Sünder zum Heil gelangt: Berufung, Erleuchtung, Bekehrung, Heiligung (sittliche Erneuerung).

2 Der Begriff der Heilsgeschichte auch Heilsökonomie, entstammt dem jüdisch-christlichen Denken. Die Heilsgeschichte, ist die Geschichte als fortgesetztes göttliches Handeln an, für und mit Menschen. Die christliche Heilsgeschichte wird getragen von Jesus Christus, der als Sohn Gottes (gewissermaßen: als göttlicher Prinz) die Leiden der Welt erfahren muss und am Ende nach einem unnatürlichen Tod mit einer Himmelfahrt zu seinem Vater zurückkehrt. Nach reformiertem Verständnis bezeichnet die Heilsgeschichte (historia salutis) Gottes rettendes und erlösendes Wirken zu Gunsten seines Volks.

3 Offenbarung 20, 1-3: Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und Satan, und band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloß ihn und versiegelte obendarauf, daß er nicht mehr verführen sollte die Heiden, bis daß vollendet würden tausend Jahre; und darnach muß er los werden eine kleine Zeit.

4 Offenbarung 13, 18 = Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.

5 Offenbarung 12, 6 = Und das Weib entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hat, bereitet von Gott, daß sie daselbst ernährt würde tausend zweihundertundsechzig Tage.