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Der Pietismus im Herzogtum Württemberg

Eberhard Ludwig
Eberhard Ludwig

in Württemberg nahm in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts der Ein-fluss des radikalen Pietis-mus und damit die Endzeiterwartung deutlich zu. Verschiedene separa-tistische Wanderprediger wie der Sporergeselle1 Johann Georg Rosenbach aus Heidelberg, aber auch radikale Pietisten aus Norddeutschland beein-flussten die religiöse Szene Württembergs.

In den 1680er Jahren hatten mehrere württembergische Pfarrer die Türken- und Franzosenkriege2 als Zei-chen der Endzeit interpretiert. Dazu kam der aufwendige Lebensstil des württembergischen Herzogs Eberhard Ludwig, der von 1693 bis 1733 regierte, und seiner Mätresse, Wilhelmine von Grävenitz.

Johann Caspar Füssli: Johann Jakob Zimmermann
Johann Jakob Zimmermann

Diese Pfarrer kritisierten die Obrigkeit wegen mangelnder Frömmigkeit und Bußfertigkeit, verbreiteten chiliastische Lehren3 und sagten den Anbruch der Endzeit auf die allernächste Zukunft voraus.

Die Obrigkeit, die diese chiliastischen Anschauungen als häretisch einstufte, entließ diese Pfarrer aus dem württem-bergischen Kirchendienst. Dazu gehörten der Bietigheimer Pfarrer Johann Jakob Zimmermann (entlassen 1685) und der Göppinger Diakon Eberhard Zeller (entlassen 1686).

Zahlreiche Anhänger Zimmermanns hegten sich daraufhin mit dem Gedanken das Land zu verlassen. Zimmermann, der den Weltuntergang für das Jahr 1693 prognostizierte, wollte nach Pennsylvanien, starb aber kurz vor der Überfahrt (1693). Seine Frau und seine Anhänger aber erreichten dagegen die neue Heimat.

 

Pietistenreskript von 1743
Pietistenreskript von 1743

Anders als in den meisten deutschen Ländern bekamen die Pietisten in Württemberg ab 1693 großen Einfluss in kirchlichen Kreisen und hatten nicht wie andernorts mit dem Widerstand der Amtskirche zu kämpfen. Mit dem Pietistenedikt von 1743 konnten die Anhänger des Pietismus in Württemberg in Staat und Kirche nahezu ungehindert ihrer Tätigkeit nachgehen und Einfluss nehmen.

Um die Entstehung religiöser Sonder-gemeinschaften zu verhindern erlaubte das "Generalreskript, betreffend die Privatversammlungen der Pietisten" vom 10. Oktober 1743 erstmals offiziell private Erbauungsstunden, wo christliche Laien fortan ihre persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse des Glaubens mit anderen austauschen konnten.

 

Ab 1697 lassen sich erste Spuren des Separatismus auch im Tübinger Stift4 nachweisen. Der Stiftsrepetent Paul Achatius Banz wurde bestraft und des Landes verwiesen, weil er sich nicht von der chiliastischen Lehre der Separatisten distanzieren wollte.

Tübinger Stift um 1816
Tübinger Stift um 1816
Jean Alaux: Spanischer Erbfolgekrieg
Jean Alaux: Spanischer Erbfolgekrieg

Mit dem Ausbruch des spanischen Erbfolgekrieges (1701−1714), unter dem das Land auf Grund seiner Nähe zu Frankreich besonders gelitten hatte, nahm die Zahl der separatistischen Gruppen in Württemberg deutlich zu. Die Wirren des Krieges, die auch das damalige Herzogtum Württemberg stark in Mitleidenschaft zogen, wurden nun als deutliche Zeichen der Endzeit auslegt. Zentren der pietistischen Bewegung in Württemberg lagen in dieser Frühzeit in Calw und Stuttgart.

Chiliastische Separatisten wie der Pfarrer Christoph Mayer in Großgartach oder der Präzeptor David Wendelin Spindler in Stuttgart sahen in dem bayrischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel, der mit Frankreich verbündet war und 1703 in Oberschwaben und Ulm eingefallen war, die Verkörperung des Antichristen. Mayers Anhänger aus Großgartach verkauften ihr Hab und Gut und wanderten ebenfalls nach Pennsylvanien aus.

 

Calw
Calw

Zentren der pietistischen Bewegung in Württemberg lagen in dieser Frühzeit in Stuttgart und Calw, wo der Separatismus eng mit den Angehörigen der bekannten Calwer Zeughandelskompanie, also mit den Mitgliedern des lokalen Patriziats verbunden war. Sie hatten sich wegen der “großen Corruption und Verderbtheit des Obrigkeitlichen und Regenten-Standes“ auch von der mit dem Staat verbundenen Kirche getrennt (separiert). Vor dem Hintergrund ihrer Naherwartung wollten sie das Reich des Satans bekämpfen und Gottes Reich befördern.

In Stuttgart war das Haus des oben genannten Präzeptors Spindler ein Zentrum der pietistischen Gruppen. Die chiliastische Erregung war offensichtlich groß, denn Christoph Kolb schreibt in seinem Buch: Die Anfänge des Pietismus und Separatismus in Württemberg folgendes:

„…. der Separatismus sei vor allem in Stuttgart an die Grenze des religiösen Wahnsinns, des Aufruhrs und der Unsicherheit“.

Stuttgart
Stuttgart

Wer waren nun diese ersten Pietisten, die auf die Wiederkehr des Herrn warteten? Eine genaue soziale Zuordnung dieser frühen Gruppen ist recht schwierig; vor allem an den Calwer Gruppen wird deutlich, dass der radikale Pietismus des ausgehenden 17. Jahrhunderts ein sozial gemischtes Phänomen von Gemeinschaften und Grup-pierungen war.

Mit dem Ausbleiben der Wiederkehr des Herrn am vorausgesagten Termin, schwan-den mit der Enttäuschung auch die unmittelbare Naherwartung. Es trat meist ein Abflauen der großen chiliastischen Erregung ein, führte aber keineswegs zum völligen Aussetzen.

im Schwarzwald
nach der Kirche

In Württemberg trug die Auswanderung der radikalen Separatisten (Anhänger der Pfarrer Johann Jakob Zimmermann und Christoph Mayer) dazu bei, dass das religiöse Engagement der unteren Schichten Anfang des 18. Jahrhunderts zunächst einmal zurückging und nicht nur der radikale und chiliastische Pietismus, sondern der Pietismus überhaupt eher zu einem Phänomen der städtischen Mittelschicht wurde. So spielten Pietismus und Separatismus im ländlichen Württemberg in jener Zeit kaum eine Rolle.

 

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1 Der Sporenmacher oder Sporer war ein Metallhandwerker, der neben Sporen auch Steigbügel, Pferdehalfter u. a. herstellte.

2 1683 standen die Türken vor Wien; Devolutionskrieg gegen Spanien (1667-1668), Krieg gegen Holland (1672-1678), Krieg gegen die Liga von Augsburg (1689), Spanischer Erbfolgekrieg (1701-1714)

3 Chiliasmus oder Millenarismus = (aus dem Griechischen von chilias, 1000); bezeichnet den Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und seine tausendjährige Herrschaft auf Erden am Ende der Weltgeschichte bzw. am Ende allen Unheils, an dem nur die Gerechten teilhaben sollten. Sie gründen sich auf eine Stelle der Johannesoffenbahrung (Offb 1,1; 20, 1-8).
Der Begriff wird auch als Bezeichnung für den Glauben an das nahe Ende der gegenwärtigen Welt verwendet und ist manchmal mit der Erschaffung eines irdischen Paradieses, oder für einen apokalyptischen Fatalismus im Zusammenhang mit einer Jahrtausendwende verbunden.
Spuren des Chiliasmus findet man schon in den ersten Jahrhunderten der Christenheit. Bis weit ins Mittelalter hinein fürchteten die Menschen daher die Jahrtausendwende, die mit der Wiederkunft Christi zugleich den Weltuntergang besiegele. Die meisten protestantischen Reformatoren lehnten den Chiliasmus grundsätzlich ab, doch lebte er im 16. Jahrhundert bei den Täufern und Taboriten wieder auf und im 17. Jahrhundert hingen protestantische Erweckungsbewegungen dem Chiliasmus an. Von dort aus drang er in den Pietismus ein. Heute glauben beispielsweise die Adventisten, die Mormonen und die Zeugen Jehovas an ein Millennium.

4 Das Tübinger Stift ist ein Studienhaus der evangelischen Landeskirche in Württemberg und wurde 1536 von Herzog Ulrich gegründet, um nach der Reformation die theologische Ausbildung begabter Landeskinder zu evangelischen Pfarrern sicherzustellen.
Aus dem Stift gingen die wichtigsten Repräsentanten des schwäbischen Pietismus hervor: Johann August Urlsperger, Johann Albrecht Bengel, Georg Konrad Rieger, Friedrich Christoph Oetinger, Philipp Friedrich Hiller und viele andere. Am Ende des 18. Jahrhunderts studierten hier gleichzeitig Hegel, Hölderlin und Schelling.