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Wie wurde nun eigentlich die Endzeit bestimmt?

(Teil 1 von 2)

Bibel
Bibel

heute sind wir auf Jahrhundert- oder sogar auf Jahr-tausendwenden, also auf runde Zahlen im Dezimalsystem unserer Zeit-rechnung als Termine für Zeitwenden, fixiert.

Die Einteilung der Ge-schichte nach Jahrhunderten ist aber ein ziemlich junges Phänomen, das sich erst in den letzten 300 Jahren durchsetzte. Die Grundlage aller christlichen Vorraussagen und Endzeitberechnungen ist aber die Bibel, die unterschiedliche Angaben über Zeiten und Zeiträume enthält, die immer wieder zu Spekulationen und Berechnungen reizten. Da die Bibel aber keine "runden" Zahlen und Jahrhundertwendungen kennt, spielten sie im christlich-theologischen Denken für die Berechnung von Endzeitterminen im Prinzip auch keine Rolle.

so stellten sich di Menschen in der Mitte des 15. Jahrhunderts die Johannes-Apokalypse vor
Und darnach sah ich vier Engel ....,
die hielten die vier Winde der Erde an .....
und ich sah einen Stern,
gefallen vom Himmel auf die Erde .....

Natürlich gab es auch Einflüsse von außen, die chiliastisch orien-tierte Bibelleser dazu veranlassten, in der Bibel nach Möglich-keiten zu suchen, um in der Gegenwart ein Datum für den Beginn der Endzeit zu errechnen.

In diesem Zusam-menhang tauchten schon früh auch Jahrhundertwenden als angeblich biblisch fundierte Endzeittermine auf.

Osmanen vor Wien
Osmanen vor Wien

Ende des 17. Jahr-hunderts waren die politischen Ereignisse durchaus dazu angetan, sie in einen heils1- bzw. endzeitgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen: Kriege, politische Wirren und Naturkatastrophen galten als besonders deutliche Zeichen des nahe bevorstehenden Endes. Und an diesen Zeichen herrschte damals wirklich kein Mangel. Da standen 1683 die Osmanen vor Wien, da gab es die Feldzüge Ludwigs XIV. (Devolutionskrieg gegen Spanien (1667-1668), Krieg gegen Holland (1672-1678), Krieg gegen die Liga von Augsburg (1689), Spanischer Erbfolgekrieg (1701-1714)), die viele Gebiete, auf jeden Fall die von Südwestdeutschland, verheerten; nicht zu vergessen sind die immer wieder auftretenden Missernten und die darauffolgenden Teuerungen.

Hure Babylon
Hure Babylon

Zahlreiche protestantische Theologen bzw. Autoren beschäftigten sich nun mit Endzeitberechnungen und je näher das Ende geglaubt wurde, desto radikaler wurden die Pietisten; vielfach kapselten sie sich von "der Welt" und von allem, was sie als Sünde oder, in der Bildsprache der Apokalypse, als "Babel" oder als "Hure Babylon2" ansahen, ab.

Dies konnte auch die eigene, die protestantische Kirche sein, die sich als Institution zu sehr von den biblischen Grundlagen, oder was die radikalen Pietisten dafür hielten, entfernt hatte.

Wolf im Schafspelz
Wolf im Schafspelz

Das war auf gewisse Weise die besonders teuflische Variante der Verführungsversuche des Antichristen, sein Auftreten als Wolf im Schafspelz, vor dem es sich besonders zu hüten galt.

Nach Ansicht der radikalen Pietisten drohte die schlimmste Gefahr nicht von der traditionellen Personifizierung des Antichristen, wie Osmanen (Türken) oder katholische Kirche bzw. Papst, sondern von dem Weltsinn des Protestantismus.

die Predigt des Antichristen
die Predigt des Antichristen
(Detail der Fresken
in der Capella San Brizio in Orvieto)

Nicht nur die "Reinheit" in der eigenen Lebensführung war diesen endzeitbe-geisterten Pietisten wichtig, sondern die Vermeidung jeder Berührung (auch physischer Berührung) mit Institutionen und Dingen, die als geistlich unrein und daher als sündig angesehen wurden. Während Spener und andere Pietisten stets in der Kirche wirkten, strebten die Vertreter des radikalen oder separatistischen Pietismus aus den Kirchen heraus und suchten das Heil in eigenen Gruppenbildungen.

Im Interesse des eigenen Seelenheils musste man sich von der Amtskirche trennen (separieren). Die Konsequenz war, dass viele ihre Ämter aufgaben und sich von den Strukturen und Verbindungen der als "Welt" disqualifizierten Gesellschaft in eine Gemeinschaft der "reinen" und "heiligen" Mitbrüder und -schwestern zurückzogen, um mit Gleichgesinnten auf die nahe Wiederkehr des Herrn zu warten. In diesem Zusammenhang spricht man von radikalem Pietismus oder auch von Separatismus.

 

 

 

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1 Der Begriff der Heilsgeschichte (historia salutis) auch Heilsökonomie, entstammt dem jüdisch-christlichen Denken. Die Heilsgeschichte, ist die Geschichte als fortgesetztes göttliches Handeln an, für und mit Menschen. Die christliche Heilsgeschichte wird getragen von Jesus Christus, der als Sohn Gottes (gewissermaßen: als göttlicher Prinz) die Leiden der Welt erfahren musste und am Ende nach einem unnatürlichen Tod mit einer Himmelfahrt zu seinem Vater zurückkehrte. Nach reformiertem Verständnis bezeichnet die Heilsgeschichte Gottes rettendes und erlösendes Wirken zu Gunsten seines Volks.

2 Hure Babel = (auch Hure Babylon); in der von der Offenbarung des Johannes (17 und 18) geprägten christlichen Symbolik gilt Babylon als gottesfeindliche Macht und Hort der Sünde und Dekadenz. Die Hure Babylon ist eine der biblischen Allegorien für die Gegner der Gläubigen im Allgemeinen und das römische Weltreich im Speziellen. Martin Luther deutete das ihm verhasste Papsttum als Hure Babylon.