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In Erwartung der Endzeit1

(Teil 3 von 3)

Philipp Melanchton
Philipp Melanchton

besondere Bedeutung erhielt die Geschichts-gliederung von Neuem im protestantischen Deutsch-land während der Refor-mation (1517-1648).

Philipp Melanchton nahm die Lehre von der Abfolge der vier Weltreiche wieder auf und kanonisierte sie in einem Lehrbuch für den protes-tantischen Unterricht. Damit war diese Lehre im protes-tantischen Teil Deutschlands bis ins ausgehende 18. Jahrhundert von großer Bedeutung. Da das Heilige Römische Reich deutscher Nation noch zum Römischen Reich als dem letzten der vier Weltreiche gerechnet wurde, konnte das Ende dieses Reiches im Jahr 1806 als Zeichen der Endzeit interpretiert werden.

Eine andere biblische Quelle für das Ende der Geschichte ist die Apokalypse von Johannes, das letzte Buch des Neuen Testaments, das erst in der protestantischen Theologie des 17. Jahrhunderts und vor allem im Pietismus eine zentrale Bedeutung bekam. Hier findet sich ein weiteres Element bezüglich einer genauen Chronologie des eigentlichen Weltendes, nämlich die Lehre von der ersten Auferstehung und vom Tausendjährigen Reich.

 

„Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Ab-grund und eine große Kette in seiner Hand. Und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und Satan, und band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloß ihn und versiegelte obendarauf, daß er nicht mehr verführen sollte die Heiden, bis daß vollendet würden tausend Jahre; …..” (Offenbarung 20, 1-3)

Apokalypse 20, 1-3: Der Engel mit dem Schlüssel zum Abgrund bindet den Drachen auf tausend Jahre
Apokalypse 20, 1-3: Der Engel mit dem Schlüssel
zum Abgrund bindet den Drachen auf tausend Jahre

Vor das letzte Gericht schaltet die Offenbarung des Johannes noch eine Phase, in der Christus hier auf Erden für tausend Jahre regieren werde.

Es gibt zwei Gruppen, die in diesen tausend Jahren bereits bei ihm sein dürfen: die wiederauferstandenen Märtyrer und die 144.000 Gerechten:

„Und ich sah …. die Seelen derer, die enthauptet sind um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier …..., diese lebten und regierten mit Christo tausend Jahre. Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis daß tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung. Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. ...” ( Offenbarung 20, 4-6)

Über den Wolken Gott auf seinem Thron mit den vier Tieren und umgeben von harfespielenden Engeln
Das Lamm mit den 144.000 Gerechten

Offenbarung 14, 1, 4-5 dagegen spricht von den 144.000 Gerechten, die mit dem wiederkehrenden Lamm, also Christus, seien:

„Und ich sah das Lamm stehen auf dem Berg Zion und mit ihm hundert-vierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben an ihre Stirn...... Diese sind's, die mit Weibern nicht befleckt sind, denn sie sind Jungfrauen und folgen dem Lamme nach, wo es hingeht. Diese sind erkauft aus den Menschen zu Erstlingen Gott und dem Lamm; und in ihrem Munde ist kein Falsch gefunden; denn sie sind unsträflich vor dem Stuhl Gottes.”

Matthäus Merian: Das Himmlische Jerusalem
Matthäus Merian: Das Himmlische Jerusalem

Die Hoffnung auf dieses Tausend-jährige Reich und die Teilhabe an der Herrschaft Christi wird, wegen der wörtlichen Übersetzung aus dem Griechischen von 1000 Jahre (χιλία = chilia), als Chiliasmus bezeichnet.

 

Nach der Offenbarung des Johannes wird die Wiederkunft Christis durch bestimmte Zeichen angekündigt. Das wichtigste ist das Auftreten oder verstärkte Wirken des "Anti-christen", der in der Offenbarung auch als "das Tier aus dem Abgrund" bezeichnet wird, dessen konkrete Ausdeutung aber gänzlich offen ist.

Die Einordnung bestimmter realhistorischer Phänomene als Wirken des Antichristen und damit als Zeichen der bevorstehenden Endzeit, war somit eine der beliebtesten, zugleich aber auch umstrittensten und angreifbarsten Beschäftigungen der Chiliasten.

Ernst Benz
Ernst Benz

 

Die katholische Kirche war, wie der evangelische Theologe und Kirchenhistoriker Ernst Benz es formulierte, "seit der Reformation gegen eschatologische Bewegungen so gut wie immun", denn sie vertrat seit Augustin die Auffassung, dass das Reich Gottes "bereits mit der Institution der Kirche auf Erden angebrochen" und die Kirche "der geschichtliche Repräsentant des Gottesreiches auf Erden" sei.

 

Matthäus Merian: Das Tier aus dem Abgrund
Matthäus Merian: Das Tier aus dem Abgrund

 

Da die Reformatoren eine starke Naherwartung hegten und vor allem die katholische Kirche und den Papst mit dem Antichristen identifizierten, war dieses Gebiet sozusagen schon besetzt. Die katholische Kirche konnte nur mit einer Abwehr gegen diese eschatologischen Vorstellungen rea-gieren.

Eine dem Pietismus vergleichbare eschatologische Massenbewegung gab es daher in der katholischen Kirche in der Neuzeit nicht.

 

 

 

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1 Endzeit = die religiöse Vorstellung vom Ende der bisherigen Welt, meist mit Vorstellungen über den Anbruch einer neuen Welt verbunden;