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In Erwartung der Endzeit1

(Teil 2 von 3)

das jüdisch-christliche Geschichtsdenken kennt, im Gegensatz zu manchen anderen Religionen, ein klares Ende der Geschichte, die wir im Alltagsverständnis vor allem mit dem "Jüngsten Gericht" verbinden, d.h. mit dem Letzten Gericht Gottes, der Auferstehung der Toten und deren zukünftigen Aufenthalt entweder im Himmel oder in der Hölle.

Das Jüngste Gericht: Petrus begrüßt die Glückseligen im himmlischen Paradies (links) und die Verdammten werden von Teufeln ergriffen und in die Hölle gezogen (rechts); in der Mitte:  Jesus als Weltenrichter auf einem Regenbogen sitzend; links von ihm Maria, rechts Johannes der Täufer, im Halbkreis sind die Apostel angeordnet. Unter Jesus der Erzengel Michael bei der Wägung der Menschen.
Hans Menmling: Altar des Jüngsten Gerichts in Danzig

Bei näherem Betrachten der Dinge stellt man allerdings fest, dass dies alles höchst kompliziert ist, denn die Fragen, wann das Ende der Geschichte genau eintritt, wie es abläuft und was darauf folgt, werden in der Bibel sehr unterschiedlich und meist nur dunkel beantwortet.

Matthäus Merian: Daniel deutet Nebukadnezars Traum von den vier Weltreichen
Matthäus Merian:
Daniel deutet Nebukadnezars Traum

Sie können an Pro-pheten des alten Testa-ments, vor allem an das Buch Daniel, an ver-schiedenen Stellen in den Evangelien und schließlich vor allem an die Offenbarung (Apo-kalypse) des Johannes anknüpfen.

Bedeutsam für die biblische Periodisierung und die Weissagung des Endes der Geschichte war zunächst im alten Testament das Buch Daniel. Darin deutet Daniel Nebukadnezars Traum von der Zerstörung eines aus vier Metallen zusammengesetzten Standbildes als eine Abfolge von vier Weltreichen.

Daniels Vision der vier Weltreiche
Matthäus Merian: Daniels Vision der vier Weltreiche (Assyria, Persia, Grecia, Roma) symbolisiert durch vier wilde Tiere, die aus dem Meer aufsteigen

Nach der Zerstörung des letzten Reiches „wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören, aber es selbst wird ewig bleiben.” (Daniel 2, 44)

die Löwin für das Reich Babylons, der Bär für das Reich der Meder und Perser, der Leopard für das Griechenreich und ein gehörntes Tier, für das Römerreich
Daniels Vision der vier Weltreiche

Diese Lehre von der Abfolge der vier Weltreiche wurde im 5. Jahrhundert durch den christlichen Theologen Orosius, Schüler des Kirchenvaters Augustin, in die christliche Historiographie über-nommen, wobei Orosius die vier Weltreiche als die Reiche der babylonischen Chaldäer, der Perser, der Griechen und der Römer deutete.

Seine eigene Zeit fiel in die Periode des letzten Reiches und war somit die potentielle Endzeit.

 

 

 

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1 Endzeit = die religiöse Vorstellung vom Ende der bisherigen Welt, meist mit Vorstellungen über den Anbruch einer neuen Welt verbunden;