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Der lutherische Pietismus

Philipp Jacob Spener

Philipp Jacob Spener
Philipp Jacob Spener

richtungsweisend für den lutherischen Pietismus gilt der Elsässer Philipp Jacob Spener (1635-1705), der in seiner Schrift "Pia desideria" (Frommes Verlangen) oder "Hertzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren Evangelischen Kirchen" 1675 die ideellen Grundlagen legte.

Spener legte vor allem Wert auf eine christliche Lebenspraxis und forderte, dass die Bibel in den Vordergrund des christ-lichen Lebens treten müsse, denn dies fördere das Wachstum des Glaubens und leite zu seiner Bewährung im Leben an. Besser als über Fragen des Glaubens zu streiten, sei es, die christliche Liebe in einem gottgefälligen Lebenswandel Gestalt gewinnen zu lassen.

Martin Luther
Martin Luther

Spener wurde zum unbe-strittenen Führer der pietistischen Bewegung, die eine "neue Reformation" in die Wege leiten und Martin Luther "vollenden" sollte.

Er behauptete, es sei wichtiger, eine persönliche religiöse Erfahrung zu machen als einem Glaubensbekenntnis anzuhängen und bestand auf der Not-wendigkeit der Bekehrung, ausgelöst durch eine Krise, die von der Verzweiflung bis hin zu einer plötzlichen Ausschüttung der Gnade führen sollte, über die man in aller Öffentlichkeit berichten sollte, denn Fröm-migkeit sei Gefühlssache.

Peter Paul Rubens: die Bekehrung des Saulus zum Paulus
Peter Paul Rubens:
die Bekehrung des Saulus zum Paulus

Das Christentum sei nicht Wissen, son-dern Tat, das heißt Liebe, die das ganze Leben des Gläubigen bestimme.

So meinte Spener, dass die Gottes-dienste zur religiösen Erbauung nicht aus-reichten und, dass jeder, der "mit Ernst Christ sein wollte", sich mit gleich-gesinnten "Brüdern" im privaten Kreis treffen sollte, um in der Bibel zu lesen, zu beten, die sonntägliche Predigt zu diskutieren und die Jugend zu unterweisen (Katechismusunterricht, Durchsetzung der Konfirmation).

Bibelstunde
Bibelstunde

Als Pfarrer in Frankfurt am Main versammelte Spener seine Gemeinde-mitglieder am Sonntagnachmittag oder auch an Abenden in Privathäusern in soge-nannten collegia pietatis (Kreisen der Frömmigkeit), auch Konventikel, Bibelstunden oder einfach "Stonda" (Stunden) genannt. Deshalb nannte man die Pietisten auch "Stondaleut" (Stundenleute).

In diesen Zusammenkünften kam später dann der Gedanke auf, dass man aus Glaubensgründen das Land verlassen müsse. Manche dieser Zusammenkünfte der gleichgesinnten "Brüder" wurden dann nach der Apostelgeschichte 4,321 "Harmonien" genannt, wie zum Beispiel die Schwaikheimer, Marbacher, Esslinger, oder Weissacher Harmonie.

Die Teilnehmerzahl wuchs immer mehr an und die Bibelstunden gewannen immer mehr an Bedeutung, so dass derartige Versammlungen ohne offizielle Erlaubnis die Obrigkeit beunruhigten.

 

Johann Georg III. von Sachsen
Johann Georg III. von Sachsen

Speners umfangreicher Briefwechsel sowie seine Predigten, seine erbaulichen Schriften und Vorreden zu Werken anderer Autoren festigten immer mehr seine Wirkung.

 

1686 wurde Spener Oberhofprediger in Dresden und bekleidete damit eines der angesehensten Ämter im damaligen deutschen Luthertum. Er führte den Katechismusunterricht ein und versuchte, das geistliche Amt mit der Seelsorge zu verbinden.

Von allen, auch den Fürsten, verlangte er Sittenreinheit und praktische Frömmigkeit. Er geriet damit in Meinungsverschiedenheiten mit seinem Landsfürsten, Kurfürst Johann Georg III., fiel in Ungnade und akzeptierte 1691 eine Pfarrstelle in Berlin, wo er bis zu seinem Tod am 5. Februar 1705 als Propst an der Nikolaikirche wirkte.

 

 

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1 Apostelgeschichte 4, 32 = Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam