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Die lutherischen Pastoren in Südrussland

Die protestantischen Kolonien in Südrussland litten seit ihrer Gründung stets unter einem 'chronischen' Mangel an Pastoren. Die Persönlichkeit des Pastors war von ausschlaggebender Bedeutung, denn er war nicht nur Prediger und Spender der Sakramente, Tröster und Berater, Lehrer und Erzieher, sondern auch Führer und Vorbild in vielen Fragen des praktischen Lebens und Vertreter seiner Gemeinde gegenüber der weltlichen Obrigkeit. Bei Abwesenheit wurde dieser vom Schullehrer (Küsterlehrer) vertreten.

 

Kirche in Neuhoffnung bei Berdjansk
Kirche in Neuhoffnung bei Berdjansk

Von 1802 bis 1859 wanderten zwischen 80.000 und 120.000 Deutsche nach Südrussland (inklusiv Bessarabien) ein, die 185 Mutterkolonien gründeten. Davon waren zirka 100 lutherische, 35 katholische, 33 mennonitische, drei separierte (Neu-Hoffnung, Neu-Hoffnungstal und Rosenfeld bei Berdjansk), einige gemischt reformiert-lutherische, vier reformierte Dörfer und ein ganz reformiertes Kirchspiel (Rohrbach-Worms im Beresaner Siedlungsgebiet).

Die ersten Lutheraner im Schwarzmeergebiet des 18. Jahrhunderts waren eigentlich keine Deutschen, sondern Schweden von der Insel Dagö. Sie ließen sich 1781 in der Nähe von Beryslaw am Dnepr nieder, wo sie die Kolonie Schwedendorf gründeten. Sie wurden von 1782 bis 1789 vom finnischen Pastor Johan Adolf Europaeus betreut.

Gammalsvenskby am Dnepr
Altschwedendorf am Dnepr

Bis 1828 hatte Schwedendorf keinen eigenen Pastor mehr, sondern wurde bis 1800 von Pastor Hiob Adolph Kirschmann (*1752 in Harburg a.d. Elbe; †?), der erste deutsche lutherische Pastor in Südrussland, und dann von Pastor Karl Friedrich Christian Biller (*1770 in Braunschweig; †1826; er studierte Theologie in Helmstedt) betreut.

Die ersten Deutschen, die nach Südrussland auswanderten, kamen aus Danzig in Westpreußen, die 1787 in der Nähe von Jelisawetgrad (heute: Kirowograd) Altdanzig gründeten.

1789 enstanden durch die von Pastor Kirschmann geführten Siedler (54 Familien), ebenfalls aus der Stadt Danzig, in der Nähe von Jekaterinoslaw (heute: Dnipropetrowsk) die Kolonien Josefstal und Fischersdorf, die zusammen das erste protestantische Kirchspiel in Südrussland bildeten. Pastor Kirschmann betreute bis 1799 nicht nur die Protestanten in diesem Gebiet, sondern auch die Dagöschweden in Schwedendorf.

1803 kam eine Flut von deutschen Einwanderern in die Schwarzmeerregion. Mit ihr ein weiterer lutherischer Pastor, Johann Heinrich Pfersdorff (*Tottleben in Thüringen; †1819 in Großliebental; studierte in Leipzig und Halle; am 24. November 1803 wurde er in St. Petersburg von Generalsuperintendent Reinboth zum Predigtamt ordiniert). Er versorgte mit 13 Gemeinden die Stadt Odessa und das Umland von 1804 bis 1816.

In der Zwischenzeit waren 23 protestantische Mutterkolonien entstanden: sechs bei Odessa (Alexanderhilf, Freudental, Großliebental, Lustdorf, Neuburg, Peterstal) im Gouvenement Cherson, zehn im Gouvernement Jekatorinsolaw, davon zwei in der Nähe von Berislav am Dnepr (Mühlhausendorf, Schlangendorf), acht am Fluss Molotschna (Alt-Montal, Alt-Nassau, Hoffental, Rosental, Weinau, Neudorf) und sieben auf der Krim (Friedental, Neusatz, Sudak, Zürichtal) im Gouvernement Taurien.

das deutsche Siedlungsgebiet in Südrussland um 1890
das deutsche Siedlungsgebiet in Südrussland um 1890 (in hell die Siedlungsgebiete von 1806)

1810 gab es 35 lutherische Dörfer, die von den Pastoren Kirschmann und Pfersdorff seelsorgerisch betreut wurden. 1811 und 1812 kamen weitere sechs Pastoren nach Russland. Einer davon war Karl August Böttiger (*1779 in Oberwiesenthal in Sachsen, Sa.; †1848 in Vologda) aus Deutschland und fünf aus Schweden. Nur zwei der neuen Pastoren blieben permanent, die anderen vier kehrten zwischen 1814 und 1816 in ihre Heimat zurück.

1814 begann die Besiedlung Bessarabiens. Bis 1818 wurden alle bis dahin gegründeten 12 Muttergemeinden (Alt-Elft, Arzis, Beresina, Borodino, Brienne, Klöstitz, Kulm, Leipzig, Paris, Teplitz, Tarutino, Wittenberg) von Pastor Friedrich Wilhelm Schnabel (*1772; †1820) in Tarutino bedient. Bis auf Krasna waren die bis 1842 gegründeten 25 Mutterkolonien lutherisch.

das Siedlungsgebiet der Bessarabiendeutschen
das Siedlungsgebiet der Bessarabiendeutschen
St. Petrikirche in St. Petersburg um 1835
St. Petrikirche in St. Petersburg um 1835

Ein bedeutendes Geschehnis ereignete sich am 19./31. Oktober 1817, dem 300jährigen Reformationsjubiläum. Die lutherischen und reformierten Gemeinden von St. Petersburg ( Lutheraner, Reformierte, Herrnhuter und Anglikaner) fanden sich zu einem gemeinsamen Gottesdienst und anschließendenm Abendmahl in der St. Petrikirche zusammen. Die Predigt des reformierten Johannes von Muralt über das Wort: „Einer ist euer Meister, Christus, ihr aber seid alle Brüder" (Matthäus 23, 8) hinterließ nicht nur in der Gemeinde einen tiefen Eindruck. Danach wurde das Abendmahl nicht nach apostolischer Art des Brotbrechens, sondern nach dem Brenzschen Katechismus (Lutheraner) mit Verteilung der Oblaten eingenommen.

Nach diesem Ereignis erlaubte Zar Alexander I. per Ukas dass sich alle protestantischen Gemeinden fortan in seinem Reich als 'evangelisch' bezeichnen durften.

Seine Majestät der Kaiser, der mit wahrer Zufriedenheit die Vereinigung der verschidenen protestantischen Confessionen betrachtet, und nicht zweifelt, daß diese Einigung im Geiste jene Bekenner des Evangeliums stets beseelen werde, hat der Unterlegung des Präsidenten, Baron von Korf, daß von nun an die verschiedenen protestantischen Confessionen die evangelische Kirche genannt werden möchten, seine allerhöchste Genehmigung zu ertheilen geruhet."

aus: Allgemeine Kirchenzeitung, 3. Jahrgang, Lseke Verlag, Darmstadt, 1824, S. 435;

Per Ukas vom 20. Juni 1819 wurde die Evangelische Kirche mit Bischofssitz in St. Petersburg gegründet. Erster Bischof wurde der finnische Zacharias Cygnäus1.

 

Als evangelisch-lutherisch wurden nun Anglikaner wie reformierte Gemeinden, Mennoniten, Herrnhuter und pietstisch-erweckte Gemeinden ebenso wie später Brüderkreise und Baptisten bezeichnet. Die Gemeinden beriefen ihre Prediger ohne Rücksicht welcher Konfession sie angehörten, wenn sie nur bereit waren bei der Handreichung des Heiligen Abendmahles Reformierte (durch Brotbrechen) und Lutheraner (mit Verteilung von Oblaten) nach ihrer Weise zu bedienen.

 

Auf Anregung Böttigers erklärte sich die Basler Mission 1821 bereit, Pastoren für die vakanten Stellen nach Neurussland und Bessarabien zu schicken, die (insgeamt 40) von 1822 bis 1827 eintrafen. Die Berufung der Basler Mission entsprach der damals in St. Petersburg vorherrschenden Neigungen zu einer Union aller Evangelischen Kirchen.

 

Auf Betreiben der protestantischen Geistlichkeit des Baltikums wandte sich der St. Petersburger Bischof Cygnäus 1827 dann gegen die Berufung von Basler Missionaren nach Südrussland mit der Begründung, dass diese die Unterschiede zwischen den verschiedenen protestantischen Konfessionen nicht beachteten und zudem Proselyten unter Orthodoxen machten, ein schwerer Verstoß gegen das Einwanderungsgesetz2.

Universität in Dorpat
Universität in Dorpat

Es wurde vorgeschlagen in der 1802 gegründeten einzigen deutschsprachigen Universität im Russischen Reich, im livländischen Dorpat (heute: Tartu in Estland) ein (statliches) Kronsseminar zur Ausbildung protestantischer Theologen zu gründen. Die Kandidaten sollten Stipendien erhalten und sich dafür verpflichten, mindestens vier Jahre in Innerrussland Pfarrstellen zu bekleiden.

Bald galt die theologische Fakultät in ganz Europa als Hort der lutherischen Orthodoxie, die in scharfem Kontrast zur pietistischen Tradition und zum reformierten Bekenntnis vieler Kolonistendörfer stand. Die ab 1831 in Neurussland eintreffenden Pastoren kamen deshalb mit ihren pietistisch gesinnten Gemeinden nur schlecht zurecht und kehrten den südrussischen Gemeinden oft nach kurzer Amtszeit den Rücken.

Laurenz Steinmann 1825
Laurenz Steinmann 1825

 

1832 gab es in der Schwarzmeerregion 82 lutherische Kolonien (eine schwedische und 81 deutsche), von denen einige reformiert waren. Diese 82 Kolonien und die deutschen Lutheraner in den Städten waren auf 15 Kirchspiele verteilt, die von den folgenden Pfarrern versorgt wurden:

im Gouvernement Jekatorinsolaw von:

Laurenz Steinmann (*1799 in St. Gallen, †1864 in Josefstal; Basler Missionsschüler von 1826-1828) in Josefstal

Christian Eduard Holtfreter (*1806 in Riga; †1874 in Taganrog; studierte Theologie in Dorpat von 1824 bis 1831) in Grunau von 1831-1871

Gottlieb Friedrich Föll 1824
Gottlieb Friedrich Föll 1824

Gottlieb Friedrich Föll (*1801 in Marbach am Neckar ; †1875 in Hochstädt; Basler Missionsschüler von 1821-1824) in Hochstädt von 1832 bis 1875

im Gouvernement Cherson von:

Karl Friedrich Wilhelm Fletnitzer (*1800, †1872; Basler Missionsschüler von 1821-1824) in Odessa

Johann Georg Voigt in Großliebental von 1824 bis 1833

Adolf Fredrik Granbaum (*1784 in Sortavala/Finnland; †1844 in Freudental; studierte Theologie in Turku und wurde 1804 in Wiborg ordiniert) in Freudental von 1812 bis 1844

Friedrich Pensel (*1794 in Sulza/Thüringen; †1848 in Glückstal) in Glückstal von 1829-1848

Johannes Bonekemper (*1795 in Niederbreunfeld; †1875 in Nümbrecht; Basler Missionsschüler von 1821-1824) in Rohrbach von 1824 bis 1849

Karl Fletnitzer
Karl Fletnitzer 1825

im Gouvernement Bessarabien von:

Johann Samuel Helwich (*1826 in Wenden/Livland; †1856 in Kichinew) in Tarutino von 1831 bis 1834

Peter Williams (*1789 in Luhde-Walk/Livland, †1859 in Minsk) in Arzis von 1819-1835

Heinrich Ferdinand von Lesedow (*1802 in Kotz/Estland; †1879) in Sarata von 1830-1839

Christian Friedrich Kylius 1827
Christian Friedrich Kylius 1827

im Gouvernement Taurien von:

Benjamin Zehlingk (*1778 in Vietmannsdorf; †1842; Basler Missionsschüler von 1821-1824) in Prischib an der Molotschna von 1816 bis 1840

Christian Friedrich Kylius (*1803 in Lahr/Baden; †1855 in Neusatz an Lazarettfieber; Basler Missionsschüler von 1823-1827) in Neusatz auf der Krim von 1831 bis 1854

Emil Kyber (*1804 in Riga; †1873 in Nikolaev am Bug; studierte Theologie und Philosophie in Dorpat von 1824 bis 1831 ) in Zürichtal von 1831 bis 1858.

 

 

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1 Zacharias Cygnäus (*23.9.1763 in Lowisa/Finnland; †16.6.1830 durch Schlagfluß in St. Petersburg), ehemaliger Bischof von Borgo in Südfinnland wurde von Fürst Golízyn im Januar 1820 zum Bischof von St. Petersburg ernannt.

2 In Artikel 6 Absatz 1 des Einladungsmanifestes von Katharina II. vom 22. Juli 1763 wurde den in Russland ankommenden Ausländern ausdrücklich Religionsfreiheit erlaubt und davor gewarnt 'keinen in Rußland wohnhaften christlichen Glaubensgenossen, unter gar keinem Vorwande zur Annehmung oder Beypflichtung seines Glaubens und seiner Gemeinde zu bereden oder zu verleiten, falls er sich nicht der Furcht der Strafe nach aller Strenge Unserer Gesetze auszusetzen gesonnen ist. Hiervon sind allerley an Unserm Reiche angrenzende dem Mahometanischen Glauben zugethane Nationen ausgeschlossen...'