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Ignaz Lindls Ausweisung aus Russland

Bethaus
Bethaus

obwohl Lindl sich mit seinen Predigten nur auf Sarata beschrän-kte, erfuhr man bald in allen deutschen Kolo-nien Bessarabiens von ihm und seinen herz-lichen und eifrigen Predigten. Von weither kamen sie am Sonntagabend, um ihn zu hören. Der Betsaal reichte nicht mehr aus und Lindl musste im Freien predigen.

Je größer aber der Andrang war, desto mehr wuchsen auch Neid und Anfeindung seitens der anderen Pfarrer, da ihre Gottesdienste schwach besucht waren. Sie versuchten Lindl "als Schwärmer und Irrlehrer" verdächtig zu machen.

Obwohl Lindl beim Zar in großem Ansehen stand, wurde Lindl nach kurzer Zeit des Landes verwiesen.

Bistum Kamjanez-Podilskyj
Bistum Kamjanez-Podilskyj

Dem katholischen Bi-schof von Kamjanez-Podilskyj und Bessa-rabien, Franciszek Mackiewicz, war es nicht unbekannt ge-blieben, dass sich unter den Kolonisten Saratas mehrere katholische Familien befanden; ihm war auch Lindls evangelische Gesinnung bekannt und fürchtete nun, dass diese Katholiken seiner Kirche verlorengehen könnten. Um das zu verhüten, musste Lindl entfernt werden, was gar nicht so einfach war.

Klemens Wenzel Lothar von Metternich
K. W. Lothar von Metternich

So wurde die Sache dem mächtigen österreichischen Staatskanzler Metternich übertragen. Dieser stellte ihn beim Zar als Sekten-führer und gefährlichen Aufrührer hin, der aus-zuweisen sei.

Nach langem Zögern ließ sich Alexander I. dazu bewegen ein Dekret zu unterschreiben, demzufolge Lindl Russland sofort verlassen musste.

Da Lindl eine Rückkehr nach Bayern verwehrt war, hielt er sich mit seiner Frau Elisabeth, seinem Sohn Samuel und seinem Kindermädchen Victoria zunächst an verschiedenen Orten, u.a. auch in Leipzig auf, wo er im Februar 1824 auf Grund von 1. Korinther 3,11 (Denn es ist vor mich gekommen, liebe Brüder, durch die aus Chloes Gesinde von euch, daß Zank unter euch sei.) öffentlich zur lutherischen Kirche übertrat.
Aber auch hier fand Lindl nicht, was er suchte. Schließlich fand er mit seiner Familie Aufnahme in Barmen-Gemarke, wo er zunächst in der Missionsvorschule tätig war und dann als Prediger und Inspektor in der 1825 gegründeten Rheinischen Missionsanstalt wirkte.

Lindl verstieg sich immer mehr in seine chiliastisch-apokalyptische1 Vorstellungen und schloss sich mit seinen Anhängern der vom Basler Seidenweber Johann Jakob Wirz (1778–1858) gegründeten Nazarener-Gemeinde, eine theosophisch-apokalyptische Sekte, an, die die Ehelosigkeit und die Gütergemeinschaft praktizierte. Bis zu seinem Lebensende war Lindl ein treuer Anhänger dieser Glaubensrichtung. Er verstarb in Barmen am 31. Oktober 1845.

 

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1 chiliastisch-apokalyptisch = im ursprünglichen Sinn Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und das Aufrichten seines tausend Jahre währenden Friedensreichs (Chiliasmus), einem irdischen Paradies, verbunden mit dem nahen Ende der gegenwärtigen Welt (Apokalypse).