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Die Wirkungsgeschichte der
Allgäuer Erweckungsbewegung

Aloys Henhöfer
Aloys Henhöfer

die Allgäuer Erweckungs-bewegung hatte auch außerhalb Bayerns bedeutende Wirkungen gehabt. Zu nennen ist hier ihr Einfluss auf die Entstehung der Erweckungsbewegung in Berlin, Norddeutschland und Pommern.
Sie trug aber auch wesentlich zur Entstehung der badischen Erweckungsbewegung bei, deren Initiator, Pfarrer Aloys Henhöfer, stark von Martin Boos beeinflusst wurde.
Im Frühjahr 1823 trat Henhöfer mit einem Teil seiner Gemeinde (44 Familien mit insgesamt 220 Personen) zum Protestantismus über. Auch auf das Werden der fränkischen Erweckungsbewegung war die Allgäuer Erweckungs-bewegung nicht ohne Bedeutung.

Ignaz Lindl
Ignaz Lindl

Schließlich strahlte die Allgäuer Erweckungsbewegung auf Russland aus. Im Oktober 1819 folgte Ignaz Lindl voller chiliastisch-apokalyptischer Erwartungen einem Ruf des Zaren Alexander I.; Lindls Ziel war es, für seine Anhänger in Südrussland eine Kolonie zu gründen.

Nach einer kurzen Tätigkeit an der St. Petersburger Malteser-Kirche, wo Goßner sein Nachfolger wurde, wirkte Lindl in Odessa als Visitator und Probst der neu entstandenen katholischen Gemeinden Südrusslands.

Johannes Evangelista Goßner
Johannes Evangelista Goßner

Vor seiner Abreise ließ sich Lindl von Johannes Evangelista Goßner mit seiner Haushälterin Elisabeth Völk, Schwester seines Freundes und früheren Kaplans Martin Völk, vermählen, mit der Begründung, dass er mit Zustimmung und nach dem Willen Gottes den Zölibat breche.

Im März 1822 gründete Lindl dann mit Auswanderern aus Bayern und Württemberg in Bessarabien die Mutterkolonie Sarata, knapp 20 km nordöstlich von Odessa entfernt. In dieser Kolonie war die konfessionelle Zugehörigkeit irrelevant, der Tageslauf durch und durch religiös rythmisiert und der Geist der Gütergemeinschaft dominierte.

Unter den Einwanderern waren auch meine Vorfahren und zwar:

  • Mühlig Hugo: Landstraße mit Pferdewagen
    Mühlig Hugo: Landstraße mit Pferdewagen
    mein Urururururgroßvater väter-licherseits Johann Balthasar Blatter1, Weber, geb. 20.7.1760 in Gundelfingen (Landgerichtsbezirk Lauingen (Bayrisch Schwaben) mit Frau und 5 Kindern
  • mein Ururururgroßvater väterlicher-seits Anton Schmucker2, Landmann, geb. 1751 in Offingen (Landgerichtsbezirk Günzburg in Bayrisch Schwaben)
  • mein Ururururgroßvater väterlicherseits Georg Bosch, Zimmermann, geb. 1773 in Asselfingen (Oberamt Ulm, Württemberg) mit Frau Anna Katharina und 4 Töchtern
  • mein Urururgroßvater väterlicherseits Johann Georg Fuchs3, Müller, geb. am 25.4.1801 in Wasserburg (heute ein Stadtteil von Günzburg in Bayrisch Schwaben)
Matthias Scheits: Bauernfamilie mit dem Pferdewagen
Matthias Scheits:
Bauernfamilie mit dem Pferdewagen

1823 zog mein Ururururgroßvater Karl Friedrich Fieß, geb. am 23. Januar 1775 in Dürrmenz (Württemberg) von Odessa nach Sarata. Er war schon 1818 mit seinem Vater Karl Friedrich Fieß von Dürrmenz nach Odessa ausgewandert.

 

Wann und mit wem meine Urururgroßmutter Kleopha (Klara Cleopha) Klein4, geb. 10.10.1802 in Gundremmingen (Bayrisch Schwaben) nach Sarata kam, ist bis jetzt nicht bekannt.

 

Am 29. April 1832 wanderten meine Urururgroßeltern väterlicherseits, Christian Leonhard Bechtle, Kolonist und Kiefer, geb. am 7.9.1784 in Höpfigheim (Württemberg) und Elisabeth Dorothea Groß, geb. am 3.10.1789 in Oberstenfeld (Württemberg), mit 8 Kindern von Höpfigheim nach Sarata, wo sie den Hof Nr. 8 von Salomon Mack übernahmen, der schon 1820 aus Brenz (Württemberg) auswanderte. 1835 kam in Sarata Christiams 9. und letztes Kind Christina Louise zur Welt.

Haus meines Ur-Ur-Ur-Großvaters Christoph Leonhard Bechtle in Höpfigheim
Haus meines Ur-Ur-Ur-Großvaters Christian Leonhard Bechtle in Höpfigheim, wo er vor seiner Auswanderung nach Bessarabien mit seiner Frau und seinen 8 Kindern lebte
(das Foto wurde von meinem Vater in den 1960er Jahren aufgenommen und er war sicher, dass es das Haus seines Ur-Ur-Großvaters Christian Leonhard Bechtle war, da sich im Innern des Hauses ein Balken mit seinem Namen und Nachnamen befand, der dann später mysteriöserweise verschwunden ist)

Hier geht’s zu meinem Stammbaum mein Stammbaum

Doch schon im Dezember 1823 wurde Lindl, zusammen mit Goßner, aus Russland ausgewiesen und musste das Land binnen drei Tagen verlassen.

Da Lindl eine Rückkehr nach Bayern verwehrt war, hielt er sich zunächst an verschiedenen Orten, u.a. auch in Leipzig auf, wo er 1824 formell zum Protestantismus übertrat.

Gruß aus Barmen
Gruß aus Barmen

Schließlich fand er mit seiner Familie Aufnahme in Barmen-Gemarke, wo er zunächst in der Missionsvorschule tätig war und dann als Prediger und Inspektor in der 1825 gegründeten Rheinischen Missionsanstalt wirkte.

Lindl verstieg sich immer mehr in seine chiliastisch-apokalyptische5 Vorstel-lungen und schloss sich mit seinen Anhängern der vom Basler Seidenweber Johann Jakob Wirz (1778–1858) gegründeten Nazarener-Gemeinde, eine theosophisch-apokalyptische Sekte, an, die die die Ehelosigkeit und die Gütergemeinschaft praktizierte.

Colonie Sarata in Bessarabien
Colonie Sarata in Bessarabien

Mit seiner weit verstreuten Anhängerschaft blieb er durch seine Briefe in Kontakt. Im Bistum Augsburg schlossen sich die "Lindlianer" nach seinem Tod 1845 dem Irvingianismus6, einer katholisch-apostolischen Bewegung, an. Die Kolonie Sarata ging zum Protestantismus über.

Die Allgäuer innerkatholische Erweckungsbewegung hatte also einen großen Einfluss auf mehrere deutsche Territorien und auch auf das Russische Reich.

Es ging ihr darum, die im Kult erstarrte Frömmigkeit und intellektualisierte Glaubenslehre aufzubrechen. Unter starker Rezeption (Übernahme) mystischen Gedankengutes drang sie auf ein unvermitteltes Gottes- bzw. Christusverhältnis sowie auf eine lebendige Frömmigkeit. Dadurch kam es zu Konflikten mit der römisch-katholischen Kirche als Heilanstalt.

 

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1 Mein Ururururgroßvater väterlicherseits, der katholische Johann Balthasar Blatter (geb. 20.7.1760), Anhänger von Ignaz Lindl, zog mit seiner Frau Katharina Burkhardt und seinen 5 in Gundelfingen geborenen Kindern (Johann Balthasar, geb. 17.12.1794; Marianna(?), geb. 1800; Marie, geb. 1801; Viktoria, geb. 1803; Marianne, geb. 1806; Magdalena, geb. 1807) im Juli 1821 von Gundelfingen (Landgerichtsbezirk Lauingen (Bayrisch Schwaben) nach Russland, um mit Lindl in einer Kolonie zu leben. Bei ihrer Ankunft in Odessa am 24.9.1821 wurden sie vorläufig in schon bestehenden deutschen Kolonien bei Odessa untergebracht.
1822 zog die Familie Blatter mit Lindl und anderen Anhängern Lindls nach Bessarabien, um dort die Mutterkolonie Sarata zu gründen.
1825 lebte Balthasar Blatter, in der Zwischenzeit Witwer, mit seinem Sohn Johann Balthasar und seinen Töchtern Marie (geb. 1801) und Magdalena (geb. 1806) in Sarata im Haus Nr. 31.

2Mein Ururururgroßvater väterlicherseits, der katholische Anton Schmucker, Witwer, Kolonist und Bauer, wanderte zusammen mit seinem Sohn Aloys (geb. 1795) 1822 nach Sarata.
Aloys, mein Urururgroßvater, heiratete zwischen 1822 und 1825, denn 1825 wohnte er mit seinem Vater und seiner Frau Marianne Blatter im Haus Nr. 46; Am 17. Juli 1827 kam sein einziges Kind Anaspesia in Sarata zur Welt.

3 Johann Georg Fuchs, Müller im katholischen Wasserburg (heute ein Stadtteil von Günzburg in Bayern), wanderte 1822 als Lediger über Odessa nach Sarata (Bessarabien) aus, wo er 1825 die Witwe Kleopha (meine Urururgroßmutter) heiratete und in Sarata in ihr Haus Nr. 84 zog, wo sie schon mit ihrem Mann Jakob Friedrich Bendele gewohnt hatte. Kleopha brachte in die Ehe ihre Tochter aus erster Ehe, Karoline Bendele (geb. 26. 8.1825 in Sarata, † 24. Dezember 1907)
Zusammen hatten sie neun Kinder, von denen mindestens fünf jung verstarben: Johann Georg (geb. 30.8.1827), Marianna (geb. 28.3.1830), Gabriel (geb. 13.3.1832, mein Ururgroßvater), Maria Cleopha (geb. am 5.8.1834), Gottlieb (geb. 2.4.1836), Margarethe (geb. 19.10.1838), Theresia (geb. 22.3.1840), Kleopha (geb. am 15.10.1842), Elisabetha (geb. 1.1.1847).

Der Familienname Fuchs (auch: Fux) ist ein mittelhochdeutscher Übername (Eigenschaftsnamen). Mit ihm wurde im Mittelalter eine persönliche Eigenschaft des Namensträgers beschrieben. Dies konnte sich auf die rote Haarfarbe beziehen [meine Fuchs- Vorfahren hatten rote Haare], auf die Beschäftigung mit Füchsen (Jagd, Kleidung), ein Kürschner, der Fuchspelze verarbeitete; aber auch auf eine besondere Schläue (schlau wie ein Fuchs). Vereinzelt ging auch ein Hausname („Zum Fuchs“) auf den Besitzer über.)

4 Klara Cleopha Klein wanderte als Alleinstehende nach Russland aus. Wahrscheinlich war sie Magd bei einer Familie, mit der sie zusammen ausgewandert ist.
Am 23. November 1824 heiratete Klara Cleopha den Witwer Jakob Friedrich Bendele, Weber aus Bächingen a. d. Brenz (Lauingen), der mit der ersten bayerischen Einwanderungsgruppe 1821 nach Odessa kam. Im Frühjahr 1822 war Jakob Friedrich Bendele mit Ignaz Lindl nach Bessarabien gezogen, wo er unter den Mitbegründern der Mutterkolonie Sarata war und das Grundstück Nr. 84 bezog. Am 23. Oktober 1823 kam in Sarata sein Sohn Jakobus zur Welt, der am 12. November 1823 verstarb. Die Mutter des Jakobus war Agnes Offenwanger, die an den Folgen der Geburt am 1. November 1823 starb.
Klara Cleopha Klein heiratete nach dem Tod ihres Mannes Jakob Friedrich Bendele meinen Urururgroßvater Johann Georg Fuchs und brachte ihre Tochter aus der 1. Ehe, Carolina Bendele (*26.8.1825), mit in die Ehe.

5 chiliastisch-apokalyptisch = im ursprünglichen Sinn Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und das Aufrichten seines tausend Jahre währenden Friedensreichs (Chiliasmus), einem irdischen Paradies, verbunden mit dem nahen Ende der gegenwärtigen Welt (Apokalypse).

6 Irvingianismus = eine schwärmerische katholisch-apostolische Sekte des 19. Jahrhunderts (in England), die die baldige Wiederkunft Christi erwartete; benannt ist sie nach dem Volksprediger Edward Irving (1792-1834). Der Irvingianismus verbreitete sich seit 1848 auch auf dem Festland, besonders in der Schweiz und in Deutschland.