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Johannes Evangelista Goßner
und die
Allgäuer Erweckungsbewegung

kath. Pfarramt St. Michael in Dirlewang
kath. Pfarramt St. Michael

goßner wirkte noch bis Anfang 1811 in der Pfarrei Dirlewang.

Dann übernahm er etwa ein halbes Jahr lang aushilfsweise die Stelle eines Sekretärs bei der "Deutschen Christentumsgesell-schaft1" in Basel. Im August erhielt er das Benefiziat2 an der Frauenkirche in München. Von den Aufgaben der Pfarramts-führung befreit, konnte er hier in kurzer Zeit eine Personalgemeinde um sich scharen.

Er predigte in verschiedenen Münchner Kirchen und hielt regelmäßig, neben dem öffentlichen Gottesdienst, Erbauungsversammlungen (Konventikel) ab, bei denen religiöse Lieder gesungen, gebetet und christliche Erbauungsbücher gelesen wurden. Vielen seiner Anhänger schien es, als ob ein neues Pfingsten3 angebrochen sei.

Johann Michael Feneberg (rechts)
Johann Michael Feneberg (rechts)

Zum Goßner-Kreis gehörten u.a. die katholischen Pfarrer Anton Bach, Martin Boos und Johann Michael Feneberg, die katholischen Priester Christoph von Schmid und Ignaz Lindl, die Kapläne Andreas Siller und Xaver Bayr, u. a..

Neben seiner Verkündigungs- und Seel-sorgetätigkeit veröffentlichte Goßner in München zahlreiche Schriften, darunter das im Spätsommer 1812 erschienene "Herzbüchlein oder das Herz des Menschen." Darin beschrieb er das menschliche Herz als "einen Tempel des Christen auf seinem Weg zum Heil".

Johannes Evangelista Goßner
Johannes Evangelista Goßner

Dieses kleine Werk erschien bis in die Gegenwart in immer neuen Auflagen und Übersetzungen, besonders unter dem einfachen Volk war es in aller Welt verbreitet; auch der russische Zar Alexander I. hatte ständig ein russisches Handexemplar bei sich.

Schon während seiner Münchner Zeit suchte Goßner mancherlei Verbindungen zu Protestanten. Er hatte Kontakte nicht nur zu Anhängern der Deutschen Christentums-gesellschaft sondern auch zu Mitgliedern der Brüdergemeine4. Darüber hinaus hatte er seit 1816 Beziehungen zur Berliner und Norddeutschen Erweckungsbewegung.

 

Neben Goßner entwickelte sich Ignaz Lindl, geb. 1774 in Baindlkirch, rasch zum zweiten tatkräftigen Verbreiter der Allgäuer Erweckungsbewegung.

 

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1 Deutsche Christentumsgesellschaft = von Johann August Urlsperger (* 1728, † 1806) 1780 gegründete Vereinigung von Christen zur Verbreitung der reinen biblischen Wahrheit in Wort und Tat; heute in Verbindung mit der Baseler Missionsgesellschaft.

2 Benefiziat = Inhaber eines kirchlichen Benefiziums, das nach kanonischem Recht mit einer Pfründe (die Ausstattung eines geistlichen Amtes mit Landbesitz und Einkünften) bleibend verbundene Kirchenamt. Der Inhaber des Titels hatte in der Regel ein vom Pfarrhof bzw. Pfarrhaus unabhängiges Wohnhaus, das so genannte Benefiziatenhaus.

3 Pfingsten = Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes; der fünfzigste Tag nach Ostern; im Judentum das Wochenfest, das in jüdisch-hellenistischen Kreisen auch Pentekoste ("Fest des fünfzigsten Tages") genannt wurde, woraus die christliche Bezeichnung Pfingsten hervorging. In den christlichen Kirchen bildet Pfingsten den Abschluss der Osterzeit und wird in den Kirchen abendländischer Tradition als das Fest der Sendung des Heiligen Geistes und der Begründung der Kirche gefeiert, in der orthodoxen Kirche als das Fest der Trinität (Pfingstsonntag) und der Geistsendung (Pfingstmontag). Die biblische Begründung des Pfingstfestes findet sich in der Apostelgeschichte 2, 1, in der die Ausgießung des Heiligen Geistes am fünfzigsten Tag nach dem ersten Passahfesttages, dem sogenannten "Pfingstwunder", geschildert wird.

4 Brüdergemeine = Kurzform von Herrnhuter Brüdergemeine; aus dem Pietismus hervorgegangene evangelische Freikirche, die 1722 unter dem Schutz des Grafen Zinzendorf in der Oberlausitz als Kolonie Herrnhut begründet wurde.