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Martin Boos
und die Allgäuer Erweckungsbewegung

(Teil 4 von 4)

Martin Boos
Martin Boos

nachdem Martin Boos mehrmals ermahnt wurde, konnten seine Oberen keine weitere Toleranz mehr üben. Sie wiesen ihn in das Priesterkorrektionshaus in Göggingen zur Repetition der Theologie. Als er nach einigen Monaten entlassen wurde und in seiner neuen Pfarrstelle wiederum seine Predigertätigkeit für die Erweckungsbewegung fort-setzte, wurde er erneut angeklagt und dann aus der Diözese Augsburg entlassen.

Johann Michael Sailer
Johann Michael Sailer

Der katholische Theologe Johann Michael Sailer1 (*1751 in Aresing, Oberbayern; † 1832 in Regensburg) nahm sich seiner in Ingolstadt an, bestärkte ihn in seiner ökumenischen Haltung und vermittelte ihn an Bischof Johann Anton Gall in die Diözese Linz an der Donau. Hier wirkte Martin Boos von 1806 - 1816 als Pfarrer in der großen Gemeinde Gallneukirchen.

Seine Tätigkeit für die Erweckungsbewegung stellte er auch hier nicht ein, im Gegenteil er rief ständig großes Aufsehen durch seine Predigten hervor. Als dann Bischof Gall starb, wurde Boos in Linz vor ein geistliches Gericht geladen, das ihm zu verstehen gab, dass gegen ihn vom erzbischöflichen Ordinariat in Wien eine Untersuchung mit anschließender Verwahrung in einem Kloster laufe.

Daraufhin verließ Martin Boos die Diözese und begab sich nach München, wo er sofort wieder seine Predigertätigkeit aufnahm. Doch hier wies man ihn kurzerhand 1817 aus.

 

Aber das Augenmerk der kirchlichen Oberbehörde in Augsburg war nicht nur auf Boos, sondern auch auf seine Anhänger gerichtet. Schon im Sommer 1799 hatte der Jettinger Dekan Johann Michael Steiner dem Augsburger Ordinariat davon Mitteilung gemacht, dass in seinem Kapitel und in der Umgebung einige junge Geistliche allem Anschein nach der "boosischen Schwärmerei2" anhingen.

Johannes Evangelista Goßner
Johann Evangelista Goßner

Zum Beweis dafür hatte er Schriften übersandt, die diese katholischen Geistlichen entweder selbst erfasst oder verteilt hatten. Zu den Verdächtigen gehörten der Rieder Kaplan Ignaz Anton Demeter, der Thannhausener Benefiziat Christoph Schmid, der Münsterhausener Schlosskaplan Josef Reiter, der Neuburger Kaplan Xaver Wittwer und Johann Evangelista Goßner (*1773 in Hausen zwischen Günzburg und Krumbach; †1858 in Berlin), damals Kaplan bei Feneberg, der Initiator der Allgäuer Bewegung, in Seeg.

Diese jungen Geistlichen wurden vom Ordinariat wegen ihrer Kontakte zu den Erweckten gerügt und ernsthaft ermahnt. Die Anklageakte Goßner geriet dagegen auf dem Verwaltungswege zunächst in Vergessenheit. Erst 1812 wurde gegen ihn, der inzwischen Domkaplan in Augsburg geworden war, ein Untersuchungsverfahren eröffnet. Insbesondere klagte man ihn wegen seiner Rechtfertigungslehre an und verurteilte ihn dazu, 26 irrige Lehrsätze zu widerrufen.

Pfarrkirche Göggingen
Pfarrkirche Göggingen

Außerdem hatte man Goßner eine mehrwöchige Haft in der Priesterkorrektionsanstalt im Marktflecken Göggingen auferlegt. Als er im August 1802 daraus entlassen wurde, reiste er zusammen mit Sailer für mehrere Woche nach Österreich, wo er unter anderem Boos im oberösterreichischen Peuerbach besuchte.

Nach Bayern zurückgekehrt, bewarb er sich zwar zunächst vergebens um eine Pfarrstelle, erhielt aber dann im August 1803 infolge der völlig veränderten geschichtlichen und kirchenpolitischen Lage mit Dirlewang eine der wohlhabendsten Pfarreien Bayerns.

 

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1 Johann Michael Sailer war der Gründer und Hauptvertreter einer innerlichen und dabei duldsamen Richtung innerhalb der katholischen Kirche. Er setzte der rationalistischen Aufklärung ein innerliches Christentum entgegen und übte großen Einfluss auf den Katholizismus in Deutschland aus. Er galt als Vorbild eines aufrechten Katholiken in der Zeit von Revolutionswirren und Säkularisation. 1 Das Konzil von Trient verurteilte 1547 die Thesen Luthers. Zur Erlösung seien sowohl der Glaube als auch "gute Werke" nötig.

2 Schwärmer = abfällige Bezeichnung für radikale Gruppen (Spiritualisten) in der Reformationszeit. Luther bezeichnete alle, die nicht mit seinem Verständnis der Bibel und seiner Lehre übereinstimmten, als "Schwärmer" oder "Schwarmgeister".
Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden in der evangelischen Kirchengeschichtsschreibung Anhänger reformatorischer Bewegungen als "Schwärmer" bezeichnet, also diejenigen die sich als unmittelbar vom Heiligen Geist geführt verstanden, den Anspruch erhoben, die reformatorischen Glaubenserkenntnis radikal zu verwirklichen und diesen "göttlichen Auftrag" als Offenbarungsquelle neben bzw. über die Bibel stellten und den von ihnen abgelehnten Strukturen und Formen der Kirche und des Gottesdienstes eigene, "dem Heiligen Geist gemäße" Formen entgegensetzen.